Paradigmenwechsel in der Medienbildung:

Warum ist ein Paradigmenwechsel im Medienunterricht an Schulen notwendig? Die offenen CheckNews-Lernumgebungen ermöglichen interaktives, problemorientiertes Lernen mit authentischen und aktuellen Medienbeiträgen. Damit befördern sie einen notwendigen Paradigmenwechsel hin zu Media Literacy in allen Fächern.

Gerold Brägger

Gerold Brägger, M.A., ist Leiter und Gründer der IQES-Plattform und der Beratungs- und Weiterbildungsinstitute schulentwicklung.ch und IQES-schulentwicklund.de. Er ist Erziehungswissenschaftler, Schulberater, Lehrerbildner, Autor von pädagogischen Fachbüchern und Lernmitteln sowie Redaktionsmitglied der Fachzeitschrift PÄDAGOGIK. Arbeitsschwerpunkte: Sprach- und Leseförderung, Künstliche Intelligenz, Lerncoaching, Schul- und Unterrichtsentwicklung, Evaluation, Digitale Medien in Schule und Unterricht, kompetenzorientierter Unterricht und selbstkompetentes Lernen, Schulleitung, Gute gesunde Schulen, Schulentwicklung in Netzwerken und Bildungsregionen. Publikationsliste herunterladen Web: www.IQESonline.net | www.schulentwicklung.ch | www.IQES-schulentwicklung.de Publikationen von Gerold Brägger im Beltz Verlag

und

Jens Lucht

Dr. Jens Lucht ist Leiter des Departments Wissensvermittlung am fög – Forschungsinstitut Öffentlichkeit und  Gesellschaft/Universität Zürich. Er ist Dozent am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung/UZH, am Soziologischen Institut/UZH und an der Weiterbildungsstelle der UZH. Web: www.foeg.uzh.ch

Wachsende Newsabstinenz gefährdet die Demokratie

Mehr als die Hälfte der 16- bis 29-Jährigen informieren sich in der Schweiz ausschließlich über qualitativ minderwertige Newssites und Social Media (fög 2019). Dass eine wachsende Zahl von jungen Menschen und Erwachsenen keine journalistischen Nachrichten mehr liest, ist ein in allen westlichen Demokratien feststellbarer Trend (vgl. Behre et al. 2023). Die Gruppe der Newsabstinenten (38,5 Prozent) nimmt im Vergleich zu besser informierten Personen­gruppen weniger oft am politischen Prozess teil und hat weniger Vertrauen in politische Institutionen (fög 2022).

Mangelnde Medienkompetenz

Die JAMES-Studie 2023 zeigt, dass weniger als ein Viertel der Zwölf- bis 19-Jährigen in der Lage ist, Fake News von echten Nachrichten zu unterscheiden. Besonders besorgniserregend ist, dass mehr als zwei Drittel dieser Altersgruppe vor allem Informationen aus sozialen Medien vertrauen, ohne deren Qualität kritisch zu hinterfragen. Studien belegen, dass TikTok für die Generation Z bereits die Hauptinformationsquelle für aktuelle Ereignisse darstellt, während die Nutzung journalistischer Medien kontinuierlich abnimmt (Wunderlich/Hölig 2023).

Abdriften in Parallelwelten

In den vergangenen Jahren hat sich eine tiefe digitale Spaltung entwickelt. Das Reuters Institute dokumentiert, dass sich fast 80 Prozent der Jugendlichen in algorithmisch gefilterten Informationsblasen bewegen. Ihre Nachrichten­rezeption findet fast ausschließlich auf Platt­formen wie TikTok, Instagram und YouTube statt, während die Kommunikation mit Gleichaltrigen vor allem über geschlossene Messaging-Gruppenläuft. Diese Entwicklung führt zur Entstehung von digitalen Stammes­gemein­schaften, in denen die Wahrnehmung der Welt stark durch plattformspezifische Algorithmen gefiltert wird (Reuters Institute 2023).

Strategien, um die Medien- und Nachrichtenkompetenz von Schüler:innen zu stärken

Tägliche Nachrichtenroutinen

Den Unterricht mit einer 15-minutigen Nachrichtenbesprechung beginnen. Schüler:innen präsentieren dabei abwechselnd aktuelle Meldungen aus verschiedenen Quellen und diskutieren deren Glaubwürdigkeit. Diese Routine kann sofort in allen Hauptfächern eingeführt werden.

Aktuelle Ereignisse einbeziehen

Lehrpersonen können in jedem Fach Bezuge zu Nachrichten herstellen.

Fact-Checking-Teams

An jeder Schule kann ein freiwilliges Fact-Checking-Team aus interessierten Lernenden und Lehrkräften eingerichtet werden. Dieses Team prüft aktuelle Meldungen und gibt ihr Wissen weiter.

Projekte zur Nachrichtenkompetenz

Lernende recherchieren selbst, führen Interviews und erstellen eigene Medienprodukte.

Peer-Learning

Schüler:innen können als Medienscouts ausgebildet werden und ihr Wissen weitergeben. Dies schafft Vorbilder und multipliziert die Wirkung der Maßnahmen.

Qualitätsmedien nutzen

Lehrpersonen können vermehrt qualitativ hochwertige Nachrichtenquellen im Unterricht einsetzen.

Medienpartnerschaften

Schulleitungen können mit lokalen Redaktionen Kontakt aufnehmen. Viele Journalist: innen sind bereit, Klassen zu besuchen oder virtuelle Einblicke in ihre Arbeit zu geben.

CheckNews: Lernumgebungen, die ein interaktives, problemorientiertes Lernen mit authentischen und aktuellen Medienbeitragen ermöglichen

Was zeichnet CheckNews aus?

Das CheckNews-Projekt auf IQES online (www.CheckNews.info) stellt einen Paradigmenwechsel in der Medienbildung dar. Im Gegensatz zu traditionellen Ansätzen, die häufig theorielastig und statisch sind, entwickelt CheckNews dynamische und praxisorientierte Lernumgebungen. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass sie aktuelle Entwicklungen aufgreifen und in praktische Lernerfahrungen übersetzen.

Methodische Innovation

Das von CheckNews entwickelte System mit Kartensets, authentischen Quellen und differenzierten multimedialen Inhalten öffnet die didaktische Herangehensweise an die Medienbildung. Statt fixer Unterrichtseinheiten bietet es modulare Unterrichtsszenarien, die sich flexibel an die Bedürfnisse verschiedener Lerngruppen anpassen lassen. Die Lehrpersonen können unterschiedliche Lernmethoden integrieren und ihre Unterrichtsgestaltung situativ anpassen. Diese Flexibilität ermöglicht adaptive Lernprozesse

Aktualität und Relevanz

Die besondere Stärke des kostenfreien Programms liegt in seiner konsequenten Orientierung an der aktuellen Medienrealität. Während herkömmliche Lehrmaterialien oft mit veralteten oder konstruierten Beispielen arbeiten, nutzt CheckNews aktuelle Themen aus der Lebenswelt der Jugendlichen. Die Schülerinnen und Schüler analysieren reale Social-Media-Diskurse und setzen sich mit aktuellen gesellschaftlichen Debatten auseinander. Dadurch entsteht eine direkte Verbindung zu ihrer eigenen Mediennutzung, was die Motivation und den Lernerfolg deutlich steigert.

Offenes Lernen

Eine weitere Innovation liegt in der konsequenten Umsetzung offener Lernumgebungen. Anstelle von frontaler Wissensvermittlung setzt CheckNews auf selbstgesteuerte Lernprozesse und projektbasiertes Arbeiten an realen Fällen. Die Schülerinnen und Schüler arbeiten in Gruppen an konkreten Problemstellungen und lernen voneinander. Dieser Ansatz fördert nicht nur die Medienkompetenz, sondern auch soziale und methodische Fähigkeiten.

Adaptivität

CheckNews ist als dynamisches System konzipiert, das kontinuierlich weiterentwickelt werden kann. Das Konzept ermöglicht die Integration neuer Medienformen und Themen (wie KI) sowie die Anpassung an sich verändernde Desinformationstechniken. Die Kollaborationsmöglichkeiten können ausgebaut und die digitalen Werkzeuge erweitert werden, wodurch das Programm auch zukünftigen Anforderungen gerecht wird.

Journalistische Expertise

Ein zentrales Alleinstellungsmerkmal des Programms ist die systematische Einbindung von Medienprofis. Durch die direkte Interaktion mit praktizierenden Journalistinnen und Journalisten erhalten die Lernenden authentische Einblicke in redaktionelle Prozesse. Sie lernen praktische Recherchemethoden kennen und erleben, wie professionelles Faktchecking funktioniert. Diese unmittelbare Verbindung zur journalistischen Praxis schafft ein tieferes Verständnis für qualitativ hochwertige Medienarbeit.

Medienkompetent durch produktives Medienhandeln

CheckNews fördert Medienmündigkeit mit zwei Strategien: (1) Schüler:innen gestalten in Projekten eigene Medienbeiträge. (2)  Sie setzen sich als Rezipient:innen mit einer Vielfalt an Medienbeiträgen kritisch auseinander. Beiden Strategien liegt die Erfahrung zugrunde, dass erst aktive Mediennutzung und produktives Medienhandeln zu Lernprozessen führen, die für Kinder und Jugendliche motivierend sind und sie befähigen, mündig und souverän mit Medien umzugehen.

Bedeutung für die Medienbildung

Mit seinem innovativen Ansatz eröffnet CheckNews neue Perspektiven für eine zeitgemäße Medienbildung an Schulen. Das Programm zeigt, dass der Weg von statischen Lehrmitteln zu dynamischen Lernumgebungen führen muss. Die gelungene Verbindung von authentischer Praxiserfahrung, flexiblen Lernwegen und digitaler Innovation schafft ein Modell, das als Vorbild für die Weiterentwicklung der schulischen Medienbildung dienen kann.

Nachhaltige Kompetenzen

Das Programm zielt auf die Entwicklung dauerhafter Kompetenzen ab. Die Lernenden entwickeln nicht nur kritische Analysefähigkeiten,

sondern erwerben auch praktische Recherche- und Bewertungskompetenzen. Die vermittelten Strategien und Werkzeuge sind direkt auf die reale Mediennutzung übertragbar, was die Nachhaltigkeit des Gelernten sicherstellt.

Die besondere Stärke von CheckNews liegt in seiner Fähigkeit, theoretisches Wissen mit praktischer Anwendung zu verbinden und dabei die Lebenswelt der Jugendlichen ernst zu nehmen. Durch diesen ganzheitlichen Ansatz trägt CheckNews wesentlich zur Entwicklung einer kritischen und reflektierten Medienkompetenz bei, die in der heutigen digitalen Gesellschaft von entscheidender Bedeutung ist.

Prix Optimus Agora für CheckNews

Unser CheckNews-Projekt »All fake – or what? Handling media with confidence – a key skill in the age of AI« hat 2025 einen renommierten Preis gewonnen: den »Prix Optimus Agora« des Schweizerischen Nationalfonds SNF in Zusammenarbeit mit Swissnex. Der Preis unterstützt »herausragende« Projekte, die »einen direkten Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft ermöglichen«.
An der ScienceComm25, dem Schweizer Kongress für Wissenschaftskommunikation, durfte Linards Udris den Preis im Namen des Projekt-Teams entgegennehmen: Jens Lucht und Rebekka Rieser (fög, Universität Zürich) und Gerold Brägger und Nicole Steiner (IQES).

Auszeichnung: Optimus Agora 2025-Preis des Schweizerischen Nationalfonds