Exekutive Funktionen, Lernen und Bewegung:

Exekutive Funktionen sind höhere kognitive Prozesse, die uns befähigen, zielgerichtet zu handeln, unser Verhalten zu steuern und uns an neue Situationen anzupassen. Sie sind zentral für erfolgreiches Lernen. Was sind die Kernbereiche der Exekutiven Funktionen und wie können sie in Schule und Unterricht gefördert werden?

von

Gerold Brägger

Gerold Brägger, M.A., ist Leiter und Gründer der IQES-Plattform und der Beratungs- und Weiterbildungsinstitute schulentwicklung.ch und IQES-schulentwicklund.de. Er ist Erziehungswissenschaftler, Schulberater, Lehrerbildner, Autor von pädagogischen Fachbüchern und Lernmitteln sowie Redaktionsmitglied der Fachzeitschrift PÄDAGOGIK. Arbeitsschwerpunkte: Sprach- und Leseförderung, Künstliche Intelligenz, Lerncoaching, Schul- und Unterrichtsentwicklung, Evaluation, Digitale Medien in Schule und Unterricht, kompetenzorientierter Unterricht und selbstkompetentes Lernen, Schulleitung, Gute gesunde Schulen, Schulentwicklung in Netzwerken und Bildungsregionen. Publikationsliste herunterladen Web: www.IQESonline.net | www.schulentwicklung.ch | www.IQES-schulentwicklung.de Publikationen von Gerold Brägger im Beltz Verlag

Exekutive Funktionen: Die unterschätzten Schlüsselkompetenzen für erfolgreichen Unterricht

Es ist Montagmorgen in einer fünften Klasse. Tim wippt unruhig auf seinem Stuhl, während die Lehrerin die Mathematikaufgabe erklärt. Seine Gedanken schweifen ab zum spannenden Fußballspiel vom Wochenende. Als er sich wieder auf den Unterricht konzentrieren will, hat er bereits wichtige Informationen verpasst. Nebenan kämpft Lisa mit ihrer Frustration, weil ihr die Aufgabe nicht sofort gelingt. Ihre aufsteigende Wut macht es ihr noch schwerer, einen neuen Lösungsweg zu finden.

Szenen wie diese spielen sich täglich in Klassenzimmern ab und zeigen, wie entscheidend gut entwickelte Exekutive Funktionen für erfolgreiches Lernen sind. Diese mentalen Fähigkeiten umfassen die Impulskontrolle, die kognitive und emotionale Flexibilität sowie das Arbeitsgedächtnis. Sie bilden das Fundament, auf dem fachliches Lernen erst möglich wird.

Die Impulskontrolle ermöglicht es Schülerinnen und Schülern, störende Reize auszublenden und ihre spontanen Reaktionen zu steuern. 

Ein Beispiel: Während einer Gruppenarbeit müssen Kinder in der Lage sein, nicht jeden Gedanken sofort auszusprechen, sondern auch anderen zuzuhören. Die kognitive und emotionale Flexibilität hilft ihnen, sich auf neue Anforderungen einzustellen und bei Problemen alternative Lösungswege zu finden. Das Arbeitsgedächtnis wiederum ist essenziell, um mehrschrittige Aufgaben zu bewältigen und neue Informationen mit bereits gelerntem Wissen zu verknüpfen. Viele Verhaltensweisen, die wir als Störungen oder mangelnde Motivation interpretieren, sind in Wirklichkeit Anzeichen für noch nicht ausreichend entwickelte Exekutive Funktionen. Wenn wir diese gezielt fördern, verbessern sich nicht nur die Lernleistungen, sondern auch das soziale Miteinander in der Klasse.

Die gute Nachricht

Fähigkeiten komplexer Verhaltenssteuerung, die Exekutive Funktionen, lassen sich trainieren – und zwar am besten direkt im Unterrichtsalltag. Bewährt haben sich beispielsweise klare Routinen, die Schritt für Schritt eingeübt werden, oder spezielle Aufmerksamkeitspausen mit komplexen Bewegungsübungen. Auch der gezielte Einsatz von Spielen zur Förderung des Arbeitsgedächtnisses zeigt positive Effekte.

Eine Grundschullehrerin berichtet von ihren Erfahrungen: „Seit wir jeden Morgen mit einer kurzen Achtsamkeitsübung beginnen und ich regelmäßig Strategien zur Selbstregulation vermittle, können sich die Kinder deutlich besser konzentrieren. Sie haben gelernt, ihre Impulse besser zu kontrollieren und auch bei Schwierigkeiten dranzubleiben.“

Für Schulen bedeutet dies

Die systematische Förderung der Exekutiven Funktionen sollte fester Bestandteil des Unterrichts sein. Lehrkräfte brauchen dafür entsprechendes Knowhow und praktische Werkzeuge. Der Aufwand lohnt sich – denn gut entwickelte Exekutive Funktionen sind nicht nur für den Schulerfolg wichtig, sondern eine zentrale Voraussetzung für lebenslanges Lernen und erfolgreiche Lebensführung.